Defence wächst. Aber woher kommen die Menschen?
Defence-Unternehmen wachsen oft schneller als ihre Bekanntheit. Woher die Menschen kommen sollen und warum Quereinstieg gerade der größte Hebel ist.
Am 6. August 2026 übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen zu einer Drohne mit Sprengvorrichtung am Flughafen Leipzig/Halle. Fast zeitgleich eröffnete in Hannover ein Unternehmen neue Produktionshallen für genau die Technologie, die solche Drohnen stoppen soll: Hochleistungslaser von FiberBridge Photonics.
Das Unternehmen, das gerade richtig abgeht
FiberBridge Photonics aus Hannover baut keine kompletten Waffensysteme. Das Unternehmen liefert die Laserquelle - also das Herzstück, das größere Rüstungsunternehmen anschließend mit Zielerfassung, Steuerung und Fahrzeug oder Schiff zu einem fertigen Abwehrsystem zusammensetzen.
Und aus Entwicklung wird gerade Produktion.
Die Serienfertigung ist angelaufen. Heute arbeiten bei FiberBridge rund 50 bis 60 Menschen. In den nächsten Jahren sollen es 200 bis 300 werden. Das bedeutet: innerhalb weniger Jahre drei- bis sechsmal so viele Mitarbeitende wie heute.
(Handelsblatt, 7. August 2026)
Genau das macht FiberBridge für mich so interessant.
Denn der Ausbau der europäischen Verteidigungsindustrie findet nicht nur bei Rheinmetall, MBDA oder Airbus statt. Ein großer Teil davon passiert eine Ebene darunter: bei Unternehmen aus Photonik, Sensorik, Elektronik und Optik, die plötzlich Technologien in Stückzahlen liefern sollen, die vor wenigen Jahren noch in Prototypen oder Kleinserien gebaut wurden.
Technologisch können viele dieser Unternehmen genau das, was jetzt gebraucht wird.
Recruitingseitig entsteht damit aber eine ganz andere Herausforderung: Innerhalb kurzer Zeit müssen Teams wachsen - häufig deutlich schneller als die Bekanntheit des Unternehmens im Arbeitsmarkt.
Bewerbungen gibt es genug. Nur nicht überall.
Der Defence-Arbeitsmarkt hat sich deutlich gedreht.
Die Arbeitsmarktökonomin Dr. Virginia Sondergeld hat für Indeed die Stellenausschreibungen der Branche ausgewertet. Bis April 2026 lagen die Ausschreibungen europäischer Verteidigungsunternehmen 65 Prozent über dem Niveau von 2021. Der gesamte Stellenmarkt lag gleichzeitig rund 15 Prozent darunter.
In Deutschland kamen allein zwischen April 2025 und April 2026 noch einmal 22 Prozent dazu.
(Indeed, 10. Juni 2026)
Und auch auf Kandidatenseite hat sich etwas bewegt.
Das Suchinteresse nach Jobs in der Verteidigungsindustrie hat sich in Deutschland seit 2021 mehr als verdreifacht. Auffällig ist allerdings, wonach besonders häufig gesucht wird: „Ausbildung", „Praktikum" und „Werkstudent".
Ein Teil des neuen Interesses kommt also von Menschen, die gerade erst ins Berufsleben starten.
Gleichzeitig öffnet sich der Markt auch für andere Gruppen. Menschen aus Branchen wie der Automobilindustrie schauen sich nach neuen Perspektiven um. Andere suchen stabilere Arbeitgeber. Und für wieder andere ist Defence heute schlicht anders einzuordnen als noch vor einigen Jahren: Sicherheit, europäische Verteidigungsfähigkeit und der Schutz kritischer Infrastruktur sind Themen, die jeden Abend in den Nachrichten stattfinden.
Die Branche ist sichtbarer geworden - und mit ihr ihre Arbeitgeber.
Allerdings profitieren davon längst nicht alle gleichermaßen.
Rheinmetall erhielt im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Bewerbungen. Aufsichtsratschef Ulrich Grillo sagte auf der Hauptversammlung im Mai 2026 dazu:
„Wir kennen keinen Fachkräftemangel."
Das glaube ich sofort.
Das Problem ist also nicht zwingend, dass niemand in Defence arbeiten möchte. Das Problem ist, wo diese Bewerbungen landen.
Wer Rheinmetall aus den Nachrichten kennt, bewirbt sich bei Rheinmetall.
Wer FiberBridge Photonics nicht kennt, sucht möglicherweise gar nicht erst danach - selbst wenn die Stelle fachlich perfekt passen würde.
Damit entstehen zwei völlig unterschiedliche Recruiting-Realitäten:
Die bekannten Unternehmen müssen Bewerbungen sortieren.
Die anderen müssen Kandidaten überhaupt erst darauf bringen, über sie nachzudenken.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Ingenieure
Spannend wird es, sobald aus Entwicklung Serienfertigung wird.
Denn ein Unternehmen, das einen Prototypen baut, braucht andere Strukturen als eines, das plötzlich Stückzahlen liefern soll.
Das sieht man auch in den Indeed-Daten: 14,7 Prozent der ausgeschriebenen Defence-Stellen entfallen auf Softwareentwicklung. Direkt dahinter folgen mit 14,6 Prozent Produktion, Technik und Mechanik. Weitere 11,5 Prozent entfallen auf Ingenieurwesen.
Produktion liegt damit praktisch gleichauf mit Software.
Und genau dort wird Recruiting schwierig.
Laut DIHK finden 57 Prozent der Unternehmen, die offene Stellen nicht besetzen können, keine geeigneten Kandidaten mit dualer Berufsausbildung. Insgesamt können 36 Prozent der Betriebe offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen.
(DIHK-Fachkräftereport 2025/2026, knapp 22.000 befragte Unternehmen)
Wenn nun zusätzlich eine ganze Industrie ihre Produktionskapazitäten hochfährt, wird der ohnehin enge Markt nicht entspannter.
Ein Beispiel, das uns richtig gut gefällt
FiberBridge hat darauf eine ziemlich pragmatische Antwort.
Auf der eigenen Karriereseite spricht das Unternehmen ausdrücklich Quereinsteiger mit technischer Berufsausbildung an.
Eine Produktionsstelle wurde sogar auf einem Stellenportal für zahnmedizinische Fachangestellte veröffentlicht - gezielt für MFA und ZFA, die als Quereinsteiger in die Laserfertigung wechseln könnten.
Und genau solche Ansätze braucht es gerade mehr.
Denn wer sauber, konzentriert und geduldig mit sehr kleinen Bauteilen arbeiten kann, muss diese Fähigkeit nicht zwingend in einer Rüstungsfabrik gelernt haben.
Und wer Kandidaten dort sucht, wo sonst kaum ein Defence-Unternehmen sucht, konkurriert plötzlich auch nicht mehr mit zehn bekannten Arbeitgebern um dieselben Profile.
Das klingt banal, ist in der Praxis aber ein ziemlich großer Hebel.
Gerade Unternehmen, die jetzt stark wachsen, sollten deshalb bei jeder Position einmal sehr nüchtern fragen:
Brauchen wir hier wirklich Erfahrung in der Verteidigungsindustrie?
Oder brauchen wir jemanden, der bestimmte Fähigkeiten mitbringt und den Rest bei uns lernen kann?
Bei vielen Produktionsrollen dürfte Letzteres reichen.
Und in dem Moment wird aus einem sehr kleinen Kandidatenmarkt plötzlich ein deutlich größerer.
Wenn Sie gerade Ihr Team aufbauen und wissen möchten, wie viele passende Menschen für Ihre Profile überhaupt im Markt verfügbar sind, schauen wir uns das gern gemeinsam an.