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Defence Talent Insights

Vom Automotive-Ingenieur zum Defence-Experten: Ein realistischer Karriereguide

Josephine Hacker Lacouture · 11. April 2026

Der Wechsel ist möglich. Aber er ist nicht so einfach, wie viele denken.

Der Defence-Bereich rückt für die Automobilindustrie zunehmend in den Fokus - sowohl auf Ebene einzelner Kandidaten als auch ganzer Unternehmen. Und das ist verständlich: Die Automobilindustrie steht unter Druck. Plattformstrategien sind unsicher, Überkapazitäten wachsen, Abnahmemengen sind weltweit kaum planbar. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI), insbesondere im Dual-Use-Bereich, wirkt dagegen wie ein stabilerer Hafen mit vollen Auftragsbüchern und klarem gesellschaftlichem Auftrag.

Fachlich scheint der Übergang auf den ersten Blick naheliegend. Beide Branchen arbeiten mit sicherheitskritischen, hoch regulierten Systemen. Automatisierung, softwarezentrierte Lösungen, kürzere Entwicklungszyklen - das alles kennt man aus dem Automotive-Sektor. Der dort vollzogene Paradigmenwechsel zum „Software-defined Vehicle" überträgt sich konzeptionell gut auf das, was im Defence-Bereich gerade passiert: „Software-defined Defence" ist kein strategisches Schlagwort mehr, sondern bei vielen Unternehmen Teil operativer Realität.

Und trotzdem: Ein Wechsel gelingt nicht automatisch.

Wo der Übergang wirklich funktioniert

Besonders gut übertragbar sind Profile aus dem Bereich Avionik und Embedded Systems. Hier gibt es in beiden Branchen komplexe Safety Standards - konzeptionell verwandt, auch wenn die konkreten Zertifizierungen unterschiedlich sind.

Wer im Automotive-Umfeld bereits Erfahrung mit sicherheitskritischen Testdisziplinen und Zertifizierungsprozessen hat, kann diese Grundlage gut in den Defence-Kontext überführen. Die spezifische Terminologie und höhere Dokumentationsanforderungen lassen sich erlernen - das fachliche Fundament ist bereits da.

Ähnliches gilt für Cybersecurity und IT-Sicherheit. Cloud-Architekturen, Security-Monitoring, Netzwerksicherheit - diese Kompetenzen werden in vielen zivilen Branchen aufgebaut und lassen sich direkt im Defence-Sektor anwenden. NATO- oder VSI-Standards kann man lernen. Was man nicht so einfach lernt, ist das Systemdenken, das gute IT-Security-Fachkräfte bereits mitbringen.

Warum es trotzdem hakt

Aus Gesprächen mit Defence-Unternehmen hören wir aktuell dasselbe: Sie werden von Automotive-Kandidaten regelrecht überflutet. Und trotzdem bleiben Stellen unbesetzt.

Warum?

Weil Defence einer eigenen Logik folgt. Regulatorik, gesetzlich geforderte Sicherheitsüberprüfungen, militärische Anforderungsprozesse - das sind keine Kleinigkeiten, die man in einem Onboarding-Tag abhaken kann. Wer glaubt, allein die technische Kompetenz reicht für den Einstieg, unterschätzt die Komplexität der Branche.

Hinzu kommt: Viele Defence-Unternehmen suchen noch immer den „fertigen" Kandidaten - den Senior, mit 15 Jahren Berufserfahrung und bestehender Sicherheitsfreigabe. Den gibt es kaum. Und wenn es ihn gibt, möchte er in der Regel nicht wechseln. Das ist nachvollziehbar, führt aber in eine Sackgasse: Der Markt bietet schlicht nicht genügend native Defence-Profile. Gleichzeitig wird enormes Potenzial bei Quereinsteigern liegen gelassen.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Der strategisch klügere Weg ist ein hybrides Modell: Schlüsselpositionen werden mit echten Defence-Experten besetzt - Menschen, die Regulatorik, Standards und die Zusammenarbeit mit militärischen Auftraggebern kennen. Darum herum lässt sich ein Team mit starken Ingenieuren aus zivilen Branchen skalieren, die das gefragte Mindset und übertragbare Kernkompetenzen mitbringen.

Entscheidend ist dabei die Bereitschaft der Unternehmen, in Upskilling zu investieren. Nicht als jahrelange Großoffensive, sondern strukturiert und pragmatisch: Grundlagen und Standards in Phase 1, Simulationen und Anwendungen in Phase 2, eigenständige Tasks mit regelmäßigen Review-Loops in Phase 3. Wer das gut plant, hat nach wenigen Monaten einen Mitarbeiter, der fachlich und kulturell wirklich angekommen ist.

Und noch etwas: Automotive-Unternehmen, die selbst in den Dual-Use-Bereich einsteigen wollen, müssen verstehen - sie dürfen im Recruiting nicht langsamer sein als moderne Defence-Unternehmen. Wer träge Prozesse aus der alten Welt mitbringt, wird die richtigen Talente nicht gewinnen.

Was Kandidaten mitbringen müssen

Für Ingenieure aus dem Automotive-Umfeld, die den Wechsel ernsthaft anstreben, gilt: Technische Kompetenz allein reicht nicht. Was zählt, ist die Fähigkeit zur Veränderung - und die Bereitschaft, sich aktiv mit den Besonderheiten der Branche auseinanderzusetzen. Wer das mitbringt, hat gute Chancen. Wer glaubt, es reicht, den Lebenslauf einzureichen und auf eine Einladung zu warten, wird enttäuscht werden.

Der Wechsel vom Automotive-Ingenieur in den Defence-Sektor ist kein Sprint. Er ist ein gezielter Schritt - mit realistischen Erwartungen, dem Willen zur Weiterentwicklung und dem Verständnis, dass man in eine Branche eintritt, die eigene Regeln hat. Und die es wert ist, sie zu lernen.

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